Sonja Brinkmann war als freiwillige Helferin in Thuma / Malawi

Ich muss hier weg…

WAGI-5Zur damaligen Zeit bestand mein ganz normaler Arbeitsalltag aus einer Mischung aus pädagogischer Intensivarbeit mit sozial auffälligen Kindern, Gesprächen mit beratungsresistenten Eltern, scheinbar endlosen Diskussionen mit Lehrern und der Hoffnung, entweder mehr Anerkennung für meine Arbeit zu bekommen, oder mindestens besser bezahlt zu werden. Beides blieb leider aus. Meine Freizeit verbrachte ich meist damit, heimatlose Katzen von den Straßen aufzulesen, sie tierärztlich versorgen zu lassen und eine Futterstelle für sie einzurichten. Ich hatte das Gefühl, gegen Windmühlen zu laufen. Bei all meiner Arbeit kam es mir immer so vor, als würde ich eine Aufgabe schaffen und fünf neue kämen dazu. Ich hatte keine Lust mehr wie ein Hamster im Laufrad herumzurennen.
Bereits während meiner Schulzeit bin ich immer gerne gereist. Ich interessiere mich sehr für schöne Landschaften, andere Kulturen und Sprachen und für gute, fremdländische Kochkünste!Ganz besonders begeistert war ich schon immer vom südlichen Afrika, wo ich mich nach dem Abitur einige Monate aufhielt und mit Rucksack und Zelt beladen durch den Busch tingelte. Ich war fasziniert von diesem intensiven Licht, den Farben, den Gerüche und Geräuschen und von der atemberaubenden Tiervielfalt! Und ganz besonders angetan hatte es mir auch die afrikanische Mentalität, die das Leben so locker und leicht erscheinen ließ. „Hakuna Matata“! Ich träumte von einem Leben in Afrika; im Einklang mit der Natur wollte ich leben, ohne Termine, ohne Handy und ohne Zivilisationsstress. Ich ertappte mich quasi dabei, wie ich mir vorstellte, meinen Job zu kündigen und ein Leben in Afrika aufzubauen. Ich wollte weg aus Deutschland.
Als ich anfing, meine Wohnung aufzulösen und mich Stück für Stück von meinem Besitz trennte, fühlte ich mich unglaublich erleichtert. Ich setzte für alles einen Preis fest und konnte bei jedem Teil, was ich weggab, spüren, dass ich mich befreite. Zuvor hatte ich unzählige Reiseführer und das Internet nach Geheimtipps und geeigneten Ländern und Orten durchforstet, die ich gerne kennenlernen wollte und wo ich nach Möglichkeit als Freiwilligenhelferin tätig sein konnte, um so mehr als nur einen touristischen Eindruck vom jeweiligen Land oder Ort zu bekommen. Kontakt zu Einheimischen ist mir immer genauso wichtig gewesen wie die Unterstützung eines Tier- oder Umweltschutzprojektes. So stieß ich bei meinen Recherchen auch auf die „Wildlife Action Group“ in Malawi und ihren Kampf gegen die abstoßende Wilderei und den Handel mit Elfenbein. Ebenfalls stieß ich bei meiner Suche auf den „David Sheldrick Wildlife Trust“ in Kenia, der verwaiste Jungelefanten aufnimmt und sich der Wiedereingliederung der Tiere in den Busch widmet.
Diese Eckpunkte hatte ich also schon mal! Jetzt musste ich nur noch die dazwischenliegenden Länder durch eine spannende Rucksackreise miteinander verbinden und voila… da war mein Abenteuer! Insgesamt verbrachte ich dann sogar ganze zwei Jahre in acht verschiedenen afrikanischen Ländern. Aber der Reihe nach…

Nach drei Monaten Südafrika wollte ich mit dem „Matatu“, einem typisch afrikanischen Bus, von Johannesburg über Mosambik nach Malawi tuckern. Aufgrund einiger ortsnaher Unruhen war leider nur ein schnöder Flug drin, der mich nach Lilongwe brachte. Ich war so aufgeregt, dass ich am Flughafen beinahe meine Tasche mit den mitgebrachten Sachspenden für „Thuma“ vergaß… Freundliche „Malawians“ konnten mich gerade noch aufhalten und wollten dann doch aber auch ganz genau sehen, was ich in dieser und auch all meinen anderen Taschen so mit hatte. Als ich aus dem Flughafen trat, atmete ich diese sanfte Luft tief ein und tankte minutenlang das warme Licht in mein Herz, bis mich ein Herr ansprach. Normalerweise lasse ich mich ja nicht so schnell anquatschen, aber es war mein Taxifahrer, der mich dann mit meinem Gepäck einige hundert Meter weiter an die Hauptstraße brachte. Wir plauderten ein wenig und dann wurde ich schon dem nächsten Mitarbeiter von Thuma übergeben. Alles war ganz ausgezeichnet geplant und nahezu deutsch durchorganisiert (also nix mit „african time“ oder so), so dass ich dann auch gleich gelernt habe, wie man ein Sammeltaxi an der Straße anhält. Das erste Taxi ließen wir aber vorbeifahren, weil ich Europäerin dachte, das Taxi sei doch viel zu voll! Nun, ich wurde eines besseren belehrt und wir nahmen das nächste Sammeltaxi, was eigentlich noch voller war. Mein Begleiter musste sogar auf dem Dach sitzen! Alle Menschen im Bus waren fröhlich und freundlich, wenn ich auch (noch) kein Wort Chechewa verstand, manchmal hilft ja auch einfach lächeln! Die Fahrt dauerte etwa zwei Stunden und ich wurde währenddessen von allen Insassen genauestens beäugt. Ja, so fühlt man sich also als Exot! Manchmal musste der Fahrer anhalten und unter den strengen Augen einiger Wachposten Fragen beantworten. Dabei fiel immer auch das Wort „Msungu“. Dann wurde auch immer gelacht. Komisch, dachte ich, Msungu muss wohl ein sehr lustiger Mensch sein. *
Als wir in Salima ankamen, war ich echt geschafft. Mir war heiß und ich hatte Durst. Wenige Minuten nach unserer Ankunft traf ich Lynn, die Managerin von Thuma, mit einigen ihrer Scouts und auch eine weitere, deutsche Volontärin. Nachdem einige wichtige Einkäufe getätigt wurden, fuhren wir mit einem ziemlich robusten Jeep weiter, und zwar quer durch den Busch! Neben uns liefen Frauen, Männer und Kinder, meist barfuß, durch die Gegend. Mein Popo tat mir weh von der langen Fahrt und der Weg durch den Busch war so holprig, dass nicht nur mein ordentlich sortiertes Gepäck, sondern auch ich selbst durchgeschüttelt wurde. Eine weitere Stunde dauerte die Fahrt und als wir im Camp ankamen, fühlte ich mich gar nicht gut. Ich hatte echt gedacht, die Fahrt würde weniger anstrengend sein! Aber als uns während der Fahrt die barfüßigen Menschen begegneten, hatte mir Lynn erzählt, dass die meisten Leute hier laufen müssen, wenn sie irgendwohin wollen. Und dass die Dörfer oft tief im Busch versteckt liegen, so dass alle, auch Kinder, erst einmal einen ordentlichen Fußmarsch machen müssen, bevor sie in die nächstgelegene Stadt kommen. Da war ich dann doch ganz froh, dass ich nicht laufen musste…
Ich war erschöpft, aber wer in Afrika etwas essen will, der muss nicht nur Feuer machen können, sondern auch selber wissen, wie man Essen zubereitet. Gut gestärkt durfte ich danach meine Strohhütte beziehen. Sogar an ein Moskitonetz hatte Lynn gedacht! Wenn ich gewusst hätte, dass mich die freche Mücke mit der Malaria schon längst erwischt hatte, hätte ich mir das abendliche Ritual, das Netz nett um mich herum zu drapieren, gespart.
Gut gelaunt und voller Tatendrang hüpfte ich am nächsten Morgen aus meinem (übrigens sehr bequemen) Bett und machte mich auf, neuen Abenteuer und den sanften Riesen zu begegnen…

* Wie ich später lernte, heißt Msungu „Weißer“.

……. Fortsetzung folgt ……..

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(Text und Fotos von Sonja Brinkmann – Vielen Dank!)